Kirchturmpolitik oder die Ansiedelung eines Möbelhändlers

In Gütersloh gibt es eine Industriebrache. Und eine massive Angebotslücke im Einzelhandel. Dies sorgt nun für einigen Wirbel in der Stadt und im Umland.

Wenn man wissen möchte, worum es geht, muss man ein paar Jahre zurückgehen. Alles dreht sich um ein etwa 80.000 m² großes Gelände zwischen Holzstraße und der Bahnstrecke Köln-Minden. Hier hatten einst der Traditionsbetrieb Wirus und dann der Nachfolger Pfleiderer über Jahrzehnte Türen und Spanplatten hergestellt. 2004 hat Pfleiderer die Produktion im Stammwerk eingestellt und in die Werke II und III verlagert. Eine der größten Industriebrachen in Gütersloh entstand. Nach einer Veräußerung des Geländes rollten Ende 2008 die Bagger an und machten das Werk dem Erdboden gleich.

Was tun mit dem Gelände? Es sollte zwei weitere Jahre dauern, in denen über eine Nachnutzung des innenstadtnahen Geländes mit guter Verkehrsanbindung nachgedacht wurde. Interessierte Investoren, wie z.B. die Daimler AG, die einst ein großzügiges Autohaus auf dem Gelände plante, sprangen in der Wirtschaftskrise kurzfristig ab. Eine reine Wohnbebauung wurde auch nicht angestrebt, da sich das Gelände direkt an einer stark befahrenen Bahntrasse mit entsprechenden Lärmemissionen befindet.

Irgendwann 2010 wurde dann plötzlich die Ansiedelung einer Filiale der Porta-Gruppe und eines Gartencenters aus dem Hut gezaubert. Mehr als 300 Arbeitsplätze sollen insgesamt entstehen, mehr als 60 Millionen Euro werden in der Dalkestadt investiert. Dies sorgt verständlicherweise für Hochstimmung bei Politik und Verwaltung, die den Deal eingefädelt haben. Auch in der Presse und bei den Gütersloher Bürgen stößt die Nachricht auf große Zustimmung. Denn wenn Gütersloher Möbel kaufen wollen, werden sie nach dem Vergraulen des Möbelhändlers Finke vor etwa 20 Jahren, dem die Stadt keine Erweiterungsflächen anbieten konnte oder wollte, nur bei sehr kleinen Händlern mit entsrpechend überschaubaren Sortiment fündig. Für die meisten bedeutet das: Nach Bielefeld zum Beispiel zu IKEA, Porta oder Zurbrüggen fahren – oder nach Rheda-Wiedenbrück zu PAM. Für eine wirtschaftsstarke Stadt an der Schwelle zur Großstadt kann das kein Zustand sein.

Nun aber wird das Projekt aus ebenjenen zwei Kommunen mit Argusaugen betrachtet. Fürchtet man doch Kaufkraftabflüsse. Kunden, die bislang im Bielefelder Ortsteil Brackwede eingekauft hätten, würden zukünftig nach Gütersloh zum Einkaufen fahren. Dies ist sicherlich nicht ganz von der Hand zu weisen, aber man sollte da dann auch so ehrlich sein, dass dies in erster Linie jene Gütersloher waren, die bislang mangels Alternative nach Bielefeld mussten. Es ist nicht so, dass Kaufkraft von Bielefeld abfließt, Kaufkraft ist jahrzehntelang von Gütersloh nach Bielefeld abgeflossen! Ein Bielefelder wird sicherlich in erster Linie immer noch in die Bielefelder Porta-Filiale fahren, anstatt die Filiale in Gütersloh zu besuchen.

Nunja, sowohl Rheda-Wiedenbrück als auch Bielefeld prüfen nun rechtliche Schritte, da die geplante und bereits im Bau befindliche Filiale in Gütersloh die im Einzelhandelsgutachten empfohlene Verkaufsfläche von ca. 25.000 m² um knapp 5.000 m² überschreitet. Porta lässt sich allerdings nicht auf eine weitere Reduzierung der Verkaufsfläche ein, da die Wettbewerber in Bielefeld bereits über deutlich größere Verkaufsflächen verfügen.

Besonders pikant daran ist, dass Bielefeld selber über die Ansiedlung eines weiteren Möbelhauses des Händlers Finke nachdenkt. Dies wäre mit 30.000-40.000 m² Größe nochmals größer als das in Gütersloh geplante Möbelhaus, und es wäre bereits das vierte große Möbelhaus in Bielefeld. Auch ohne diese Ansiedlung hätte Bielefeld pro Einwohner mehr Verkaufsfläche für Möbel als das in Gütersloh nach dem Porta-Neubau der Fall wäre. Porta probiert derweil Fakten zu schafen. In einem atemberaubenden Tempo werden aufgrund der vorliegenden Teilbaugenehmigungen Gebäudeteile hochgezogen. Mit den angekündigten Klagen werde man sich dann beschäftigen, wenn diese vorlägen, so verkündet die Porta-Inhaberin Birgit Gärtner gegenüber der Presse selbstbewusst.

Rivalität ist man bisher eher zwischen Arminia Bielefeld und dem FC Gütersloh gewohnt. Nun scheint sich diese Rivalität auf die Städte selbst zu übertragen und viel böses Blut scheint im Spiel zu sein. Bleibt nur zu hoffen, dass nicht zu viel Steuergeld in sinnlose gerichtliche Geplänkel fließt. Dem Gütersloher und auch dem ein oder anderen Bielefelder bleibt derweil nur Kopfschütteln über diese Provinzposse.

 

 

Daniel Neuhaus

Hallo, ich bin Daniel Neuhaus aus Gütersloh. Weitere Informationen zu meiner Person sind in diesem Blog zu finden. Hier gibt es eine bunte Mischung aus IT, Medien und allem, was mich sonst noch so interessiert. Über Kommentare freue ich mich sehr!

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2 Antworten

  1. Daniel Neuhaus sagt:

    Nachdem Rheda-Wiedenbrück und Bielefeld im Eilverfahren unterlagen, geht zumindest Rheda Wiedenbrück in die nächste Instanz. Irgendwie lernen sie es nicht…

  2. Daniel Neuhaus sagt:

    Heute hat das Oberverwaltungsgericht Münster die Klagen der Städte Bielefeld und Rheda-Wiedenbrück letztinstanzlich abgewiesen. Damit ist einerseits viel Porzellan zerschlagen worden – andererseits haben Bielefeld und Rheda-Wiedenbrück fleißig Steuergelder in eine absehbare Niederlage investiert. Schade drum.

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